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Worum geht es beim Musizieren? Schon mal nicht darüber nachgedacht? 

Musizieren ist ein Zustand. Man ist ganzheitliche Schwingung. Medizinisch, physiologisch, psychologisch ein einzigartiges Phänomen, im wahrsten Wortsinne vielleicht eine Re/ligion, eine Rückverbindung zu unserem Ursprung. Ein Wegbereiter der inneren Wandlung. Musizieren ist Einswerden. Musizieren kann therapieren, heilen. 

Die Flow-Forschung hat das Musizieren anhand von Elektroenzephalogrammen wissenschaftlich dingfest gemacht. Trance, ganzheitliches Funktionieren, quasi Schlafwandeln in leichten Dosen. Eine typisch westliche Idee, wenn auch hilfreich, um sich dem Phänomen des Musizierens zu nähern.

Beim Musizieren geht es nicht ums „Kapieren“. Dem erwachsenen Schüler, der sich dadurch auszeichnete, daß er sich besonders viele Gedanken, um die fachgerechte Handhabung des Instrumentes machte, erhielt vom Musizierlehrer, als sich an des Schülers Arbeitsplatz ein „Headhunter“ gemeldet hatte, um ihm einen besseren Job anzubieten, den Ratschlag:“ Laß ihm Deinen Kopf, der hindert Dich bloß und werde der Baum!“ Zunächst klingt das ein bißchen seltsam und rätselhaft, erklärt sich aber in einer anderen Sichtweise jenseits der Rationalität. 

Keith Jarrett, eine lebende Musiklegende, insbesondere des Jazz und der Improvisation, nicht nur auf dem Klavier, spricht explizit vom „Störfaktor Kopf“ beim Improvisieren, dem freien Musizieren, vor allem in unseren Breitengraden und erzählt von der faszinierenden Welt des Klanges, der Kommunikation und dem musikalischen Humor beim Musizieren in seinem weltberühmten Trio mit Jack DeJohnette und Gary Peacock. (Interview aus „Die Zeit“ Nr.39/20.9.2007). 

Zunächst sei die Frage gestellt, wie sich denn genau musikalischer Humor äußert - doch wohl bestimmt nicht in irgendeiner oberflächlich ersichtlichen Pointe. Vielmehr entzieht sich Musik dem, der sie begreifen will, die Wertung liegt ihr fern, Musizieren liegt jenseits der Note, jeglicher Methodik oder Schule. Man erlebt „Es“ in sich selbst. Musizieren ist ein schönes Gefühl. Ein anziehendes Gefühl. Man kann darin aufgehen, erblühen. Grundsätzlich kann das jeder, das ist das Unerklärliche und Wunderbare. Es liegt in der Natur des Menschen, es ist eine Art Grundbedürfnis. 

Eine Chance hat das Musizieren, haben Lehrer und Schüler, wenn die Musizierstunde, die Unterrichtsstunde als zeitvergessene Oase der Sinne im Alltag zum Urlaub wird. Urlaub von sich selbst, den man jederzeit spontan haben kann, auf den man sich freut, der einen inspiriert, an dem man von innen heraus wächst. 

Letztendlich ist Musizieren eine Herzensangelegenheit und kann so viel mehr sein als das bloße, möglichst vollendete Bedienen eines Instrumentes. Wissentlich oder nicht wird der Schüler diesen Weg so weit gehen, wie „Es“ ihn trägt, ist auch der Lehrer diesen Weg gegangen. 

Mit dem Herzen wird Einsicht erlangt, wie sich „Atemtechnik“, „Fingertechnik“ abspielen, wie die Musik gespielt werden will. Schließlich spielt die Musik sich selber durch den Spieler, denn Sie ist unerhört bereits da. Das klingt für geübte Ohren nach der fernöstlichen Philosophie des Zen. 

Die „westliche“ Methode des Flow, welche durch extrem gesteigerte, meditative Selbstwahrnehmung aller haptischen wie akustischen Aspekte des Spiels, eine starke Versinnlichung und Subtilität in der Wahrnehmung des Spiels verursacht, kann ein guter Einstieg für uns in unseren Breitengraden sein, um eine Basis der meditativen Konzentration im Spiel zu finden. Das weitere Hinführen zum Musizieren sollte wortwörtlich „kopflos“ passieren. Um die durch die Methode des Flow implizierte Grenze eines noch immer gemachten Spiels, bei dem nun das unterbewußte „Ich“ zwar viel subtiler, aber stets noch aktiv und daher selektierend aus dem tiefen Quell der Kreativität schöpft, zu überschreiten, wird ein weitergehendes Stadium der Nicht-Kontrolle und Loslösung vom kontrollierenden, entscheidenden „Ich“ durch die Lenkung des Zustandes der extremen Konzentration auf Übungen erreicht, die jetzt den „Störfaktor Kopf“ stören und so aushebeln. 

Verfestigte Abläufe, die durch vielfache Überlagerungen mit ins Unterbewußtsein hinabgesunkenen, „gemachten“ Erfahrungen verformt, bereits der Ursprünglichkeit, der reinen Natürlichkeit, entrissen wurden, werden auf solche Weise ins Schwingen gebracht, bis sie so weit außerhalb der Reichweite des indirekten Einflusses des „Ich“ liegen, daß der pure absichtslose Reflex wieder zum Vorschein kommt. Vergleichbar ist dieser Ansatz vielleicht mit dem Erlernen des Fahrradfahrens. Zunächst halten einen die Stützräder, Angst hat man vor dem Umfallen, vor allem beim schnellen Fahren, bei dem man meint, niemals Kontrolle haben zu können. Ist man dann schnell genug, spürt man plötzlich, was Balance wirklich ist und es geht bzw. „Es“ fährt. Fortan fährt man Rad ohne auf Balance zu achten oder diese gar zu suchen, sie ist einem sogar gleichgültig geworden. Sie hat einen einfach eingeholt und ist da. So ähnlich ergeht es auch dem Musizierenden. Perplex steht man dann vor der komplexen Simplizität der Sinneserweiterung. So ausschweifend, seltsam oder indirekt der Weg dorthin einem auch erschienen war, so direkt, einfach und schön ist die Erkenntnis. In dem hochkonzentrierten Zustand der Meditation überkommt dieses Gefühl den Musizierenden überzeugend, erfüllend, völlig klar und ist ihm doch nicht erklärbar. Der Groschen ist gefallen bzw. ein fallender, denn der Prozeß der Wandlung hat erst begonnen. Ein ungläubiges Staunen über diese neue Qualität des Zusammenhanges. Faszination. Jenseits des Verstandes hat ein weiterführendes, umfassenderes Wissen, ein neues, anderes Bewußtsein für das Unergründliche, was in der Natur verborgen liegt, in die die eigene Natur eingebettet ist, eingesetzt.

Den Musizierenden holen Lösungen technischer Aspekte ohne Reflektion ein, weil er begriffen hat, daß je naheliegender und greifbarer ihm eine vermeintliche Lösung erscheint und je stärker er sich um sie bemüht, er sich in Wahrheit desto weiter von ihr entfernt hat. Wenn sie da ist, wird es ihm wie Schuppen von den Augen bzw. Ohren fallen, daß er als Suchender weiterhin blind bzw. taub für sie gewesen wäre. So sucht er die Lösungen nicht mehr aktiv, sondern wartet geduldig auf ihr Erscheinen und übt sich im Versenken in seiner Meditation, im freien Schwingen, im „inwendigen“ Spiel bis ihm schließlich die reiche, sinnliche Klangwelt eines einzigen Tones genügt, um von „sich“ loszukommen und zum Bedürfnis geworden ist. Ein Weg ist dann beschritten. Zen in der Kunst des Musizierens. 

Wenn er einen Ton spielt, ist es, als ob „Es“ in den Ton einschwingt, der bereits mit dem inneren Ohr gehört wurde, denn dieser ist im allumfassenden Raum schon da. Der Musizierende spürt die Verbindung mit dem Raum, den Reichtum des leeren, luftvollen Raumes, er ist verbunden mit dem Baum, der Kirchenglocke, dem Mitmusizierenden. So atmet der Raum durch den Ton den Musizierenden. Die Schwingung des Tones geht durch ihn hindurch. Wenn er nicht mehr durch ihn erklingt, ist er dennoch da als teil einer allumfassenden Harmonie des Raumes. Der Musizierende schwingt naturgegeben in einer gleichzeitigen, umfassenden Klangschau aus Vorhören, Zuhören, Nachhören. Er spürt den Raum, innere Weite und äußere Weite sind Eins, die Zeit wird belanglos. Er begehrt gar nicht, Einfluß zu nehmen, zu planen, zu denken und zu lenken. Er dosiert die Luft, die Körperspannung nicht. Er stützt nicht aktiv. Der Ton holt sich die Luft oder Spannung aus seinem Körper, die er braucht. Die Luft entfällt dem Musizierenden naturgegeben in der notwendigen Spannung, wie der reife Apfel dem Baum. Akzente beispielsweise „macht“ er nicht, sie „passieren“ ihm auf eine Art, die er nie „machen“ hätte können. Er braucht die Töne nicht zueinander in Beziehung zu setzen, sie auch nicht zu verbinden, selbst in der Trennung, phrasieren sie naturgegeben wie aus einem Guß. Die Wirkung der Töne aufeinander wägt er nicht ab, Effekte fügen sich von selbst ins Gesamtbild ein, so schlüssig, wie er es niemals zu manipulieren vermocht hätte, so daß der Musizierende alles Absichtsvolle schließlich vergißt. Die Phrase, die Musik spielt ihn. Wie die Phrase zu gestalten sei, diese Frage stellt sich ihm nicht mehr. Die Wirkung ist egal, originelles Spiel weicht dem originären Spiel. In gleichzeitiger, umfassender Klangschau von Vorhören, Zuhören und Nachhören, dem fertigen, bereits vorhandenen Klangbild, ergibt sich der Moment ohne sein Zutun, der Musizierende ist voll in diesem Moment aufgegangen, im Jetzt, gleichzeitig aber auch nicht. 

Florian Himpel